Effektivität und Effizienz



"What is the major problem? It is fundamentally the confusion between effectiveness and efficiency that stands between doing the right things and doing things right. There is surely nothing quite so useless as doing with great efficiency what should not be done at all."

(Peter Drucker)



Eine hocheffiziente Arbeitsweise ist für ein erfolgreiches Jurastudium unerlässlich. Doch bevor wir uns über Arbeitseffizienz Gedanken machen, müssen wir uns zuerst vergegenwärtigen, worauf wir unsere Effizienz ausrichten sollen. Hier kommt die Effektivität ins Spiel. Effektivität misst die Wirksamkeit unseres Verhaltens. Wir arbeiten effektiv, wenn unser Verhalten uns dem zu erreichenden Ziel näher bringt. Das Ziel ist ziemlich klar: zwei Prädikatsexamen. Und woraus ergeben sich im Wesentlichen die Examensnoten? Aus den schriftlichen Klausurergebnissen. Damit wissen wir: Idealerweise lernen wir ab dem ersten Semester so, dass wir uns die Fähigkeiten aneignen, die uns zu einer guten juristischen Klausur führen.



1. Die Klausursituation

Welche Anforderungen stellt die Klausur?

In a nutshell: Schreibe innerhalb einer bestimmten Zeit (2 bis 3 Stunden im Studium und 5 Stunden im Examen) ein Gutachten zu Rechtsfragen, die sich im Zusammenhang mit einem bestimmten Sachverhalt stellen.

In diesem ersten Beitrag wollen wir uns bewusst auf den ersten Teil dieses Satzes konzentrieren: “Schreibe innerhalb einer bestimmten Zeit ...”

Jeder, der schon eine Klausur geschrieben hat, weiß: Auch wenn sich 2 bis 5 Stunden nach viel anhören, ist die Klausur ein enormer Sprint (während der Weg zu den Staatsexamina eher ein Marathon ist). Klausuren sind so konzipiert, dass man zwingend Zeitprobleme haben wird. Denn die Lösungsskizzen sind manchmal derart umfangreich, dass man sie in der gegebenen Zeit nicht einmal handschriftlich abschreiben kann. Damit wird auch klar, weshalb die 18 Punkte in Klausuren fast nie erreicht werden können.

Zur Zeiteinteilung und Klausuren wurde schon viel geschrieben. In einem künftigen Beitrag äußern auch wir uns ausführlich dazu, was aus unserer Sicht entscheidend ist. An dieser Stelle befassen wir uns aber mit einem Aspekt, über den man sich kaum strukturiert Gedanken macht, aber für eine gute Klausurnote ganz entscheidend ist. Nämlich – und es steht schon ganz am Anfang des Satzes – “Schreibe ....”



2. Schneller schreiben

a. Warum schneller schreiben?

Wir würden zwar gerne, können es aber nicht ändern: Auch im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert müssen wir in allen Klausuren von Hand Wörter und Sätze auf Papier bringen. Und für die Jura-Klausur gilt: Wer schneller (und gleichzeitig hinreichend leserlich) schreibt, ist erheblich im Vorteil! Wie häufig passiert es, dass man "nicht fertig geworden" ist oder gute Gedanken auf der Lösungsskizze verhungern.

Macht euch klar: Der Flaschenhals der Informationsvermittlung im Rahmen der Klausur liegt nicht im Kopf, sondern in der Hand. Wir wissen (hoffentlich) viel mehr, als wir handschriftlich in der begrenzten Klausurzeit vermitteln können. Aber nur das aufs Papier Gebrachte zählt!

Wer also mehr klausurrelevante Wörter und Sätze in derselben Zeit schreiben kann, bekommt eine bessere Note. Erfahrungsgemäß ist es zudem so, dass häufig die dicken Klausuren (auch im Examen) die besseren sind (es darf natürlich nicht nur Blödsinn drin stehen). Neben mehr Substanz liegt das insbesondere daran, dass diese Klausuren ein breiteres Spektrum an Problemen abbilden, sodass die Trefferquote mit Blick auf die Lösungsskizze höher ist. Aber auch fast unmenschliche Schreibleistungen hindern den Korrektor dennoch nicht daran, zu bemängeln, dass die Klausur “zwar alle Probleme angesprochen”, aber häufig nicht “genug in die Tiefe” gegangen ist.

b. Wie schneller schreiben

Wie kann ich meine Schreibgeschwindigkeit erhöhen? Ganz einfach: Änder‘ deine Schreibweise!

Erste Reaktion: “Ich kann das nicht - so habe ich schon immer geschrieben.”

Gegenreaktion: “Unsinn.”

Natürlich kann man seine Handschrift und Schreibgeschwindigkeit gezielt ändern. Schließlich schreiben wir heute nicht mehr wie in der Grundschule und auch unsere Schrift in der 5. Klasse unterscheidet sich deutlich von der während unseres Abiturs.

Allerdings ist es natürlich nicht so, dass man von heute auf morgen stabil Schreibgewohnheiten ändern kann, die man sich über Jahre antrainiert hat. Aber auch hier gilt: Alte Gewohnheiten lassen sich ablegen und neue erwerben. Übung macht den Meister.

Und gerade weil es auf die ständige und wiederholte Übung und Verbesserung der Schreibweise ankommt und weil wir überzeugt sind, dass die Steigerung der Schreibgeschwindigkeit sich auf lange Sicht erheblich auszahlt, behandeln wir sie als erstes.

Die Schreibgeschwindigkeit hängt entscheidend von zwei Aspekten ab: Zum einen die Strecke, die der Stift auf dem Papier zurücklegen muss und zum anderen die Komplexität der Handbewegungen während des Schreibens. Wer Schriftstrecke und Bewegungskomplexität reduziert, wird erheblich schneller schreiben können. Das schöne daran ist, dass häufig beiläufig sogar das Schriftbild leserlicher und sogar das Schreiben insgesamt entspannter wird.

Konkrete Anregungen können euch als Anknüpfungspunkte eigener Gedanken und Experimente dienen:

aa. Kleiner schreiben und Abstände reduzieren

Je kleiner die Buchstaben sind, desto weniger Weg muss der Stift zurücklegen.

Je geringer die Abstände zwischen den Wörtern sind, desto kürzer dauern die Sprünge zwischen ihnen.

Die Reduktion von Abständen und insbesondere der Buchstabengröße muss natürlich enden, wenn die Handschrift unleserlich wird. Bei der Buchstabengröße wird man das jedenfalls daran merken, dass die Bewegungskomplexität der Hand zunimmt, da das Schreiben filigraner Buchstaben erheblich aufwendiger ist.

A könnte sich wegen Totschlags gem. § 212 I StGB strafbar gemacht haben, indem ...


A könnte sich wegen Totschlags gem. § 212 I StGB strafbar gemacht haben, indem ...


A könnte sich wegen Totschlags gem. § 212 I StGB strafbar gemacht haben, indem ...


bb. Schnörkel reduzieren

Schnörkel sind unnötig zurückgelegte Schriftstrecke. Zudem führen sie regelmäßig auch dazu, dass die Schrift unleserlich wird. Außerdem erhöhen Schnörkel die Bewegungskomplexität und ermüden die Hand. Deshalb: Wir brauchen keine Schnörkel. Jura ist kein Schönschreibwettbewerb!

Obersatz – Definition – Subsumtion – Ergebnis



Obersatz – Definition – Subsumtion – Ergebnis



Obersatz – Definition – Subsumtion – Ergebnis




cc. Übergänge in und zwischen Buchstaben optimieren

Wer bei einem Buchstaben dreimal den Stift absetzen muss, hat ein massives Problem. Überlegt euch, wie ihr bei jedem einzelnen eurer handschriftlichen Buchstaben die Anzahl der Schreibunterbrechungen minimieren könnt.

Das Ganze gilt auch für den Übergang von einem Buchstaben zum nächsten. Dort schlummert sehr viel Verbesserungspotenzial.

dd. Buchstaben und Zeichen vereinfachen

Wir lesen und verstehen Wörter und sogar Sätze nicht, indem wir Buchstabe für Buchstabe abscannen und sie dann Stück für Stück zu Wörtern und Sätzen zusammensetzen, sondern wir erfassen sie mit einem Blick und konstruieren den entsprechenden Inhalt. Eine erfolgreiche Texterkennung gelingt unserem Gehirn auch dann, wenn nicht jedes Zeichen oder jeder Buchstabe gestochen scharf geschrieben wurde. Ein hinreichender Kontext genügt für das Verständnis. Für diesen ist es häufig nur wichtig, dass Anfangs- und Endbuchstabe leserlich sind.

Ein Paradebeipiel für die Zeichenvereinfachung ist unser Paragraphenzeichen. Einerseits, weil es in jeder Klausur zigfach geschrieben werden muss und andererseits, weil es ziemlich verschnörkelt ist. Wer über eine Klausur hinweg penibel jede Kurve der vielen Paragraphenzeichens hinkritzelt, vergeudet Unmengen Zeit, ohne etwas für seine Note getan zu haben.

Paragraphenzeichen können z.B. auch wie unten geschrieben werden und bleiben dennoch als solche erkennbar. Denn was soll in einer Juraklausur sonst vor den Zahlen stehen?

§§ 433 oder || 433




c. Experimentiert und übt

Wir wollen natürlich nicht, dass ihr beim Schreiben komplett euren handschriftlichen Charakter verliert. Deshalb muss jeder für sich selbst experimentieren und die eigenen Optimierungsmöglichkeiten ausloten.

Wer besonders ehrgeizig ist, kann auch per Stoppuhr messen und dokumentieren, wie sich die eigene Schreibgeschwindigkeit nach welchen Optimierungsmaßnahmen verbessert hat.

An dieser Stelle wollen wir nochmal betonen: Schreibgewohnheiten lassen sich ändern. Allerdings kostet es Zeit und muss wiederholt geübt werden, damit neue Gewohnheiten die alten ablösen. Umso wichtiger ist es, dass ihr euch schon so früh wie möglich Gedanken darüber macht und euch eine effizientere Schreibweise aneignet.



3. Wie geht es weiter?

Das war der erste Teil unserer Jura Know-how Serie. In den kommenden Wochen und Monaten folgen weitere Teile zu den Themen: Lernstrategien und Lernvorlagen, warum Klausurenschreiben Übungssache ist, weshalb ihr anhand von Fällen lernen sollt, Grundlagen und Basics, wie Auslegen euch Auswendiglernen ersparen kann, warum ihr Vollständigkeit vor Tiefe vorziehen solltet und zuletzt – und das ist am wichtigsten – weshalb ihr bitte bei aller Liebe zur Juristerei (oder auch nicht) euch Pausen gönnen und auch während der Examenszeit das Leben genießen sollt.