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Vollständigkeit vor Tiefe

Gut konzipierte Klausuren sind wie die Mecklenburgische Seenplatte – ziemlich flach, dafür sehr breit.

(Unbekannt)

Dies ist der letzte wichtige strategische Rat, den wir euch in inhaltlicher Hinsicht für erfolgreiche Klausuren im Jurastudium mit auf den Weg geben: Wenn ihr vor der Wahl steht, dann entscheidet euch stets für ein möglichst vollständiges und dafür weniger tiefes Verständnis!

Gut konzipierte Klausuren (glücklicherweise sind das die meisten Originalklausuren im Staatsexamen) prüfen eine Vielzahl von Problemen auf einem weiten Feld ab. Es gibt nie nur das „eine Hammer-Problem“, sondern viele kleine Probleme, die es unter Zeitdruck zu bewältigen gilt. Deshalb bringt euch eine vollständige, aber weniger tiefe Klausurvorbereitung auch statistisch gesehen deutlich mehr, als eine quasi-wissenschaftliche Vertiefung auf nur wenigen Wissensinseln.

1. In a nutshell: Was sollte ich tun?

a. Vollständig lernen!

Lernt alles, was für die Klausur in Frage kommt. Weil die Vorbereitungszeit knapp ist, könnt ihr euch natürlich nicht alles vertieft aneignen. Das ist für eine gute Klausur aber auch nicht notwendig! Es ist insbesondere für das Staatsexamen sehr riskant (und irgendwo auch dumm) auf Lücke zu setzen.

b. Sich an den Juristenausbildungs- und Prüfungsordnungen der Länder orientieren.

Die JAPrOs der Länder sagen euch zumindest, was Vollständigkeit bedeutet. Ihr dürft euch auf keinen Fall nur auf das verlassen, was euch in den Vorlesungen oder beim Repetitor mit auf den Weg gegeben wird. Die Justizprüfungsämter interessiert kein Stück, dass die Uni oder der Repetitor euch nicht sinnvoll auf das Examen vorbereitet hat.

2. Warum sollte ich auf Vollständigkeit und nicht auf Tiefe setzen

Vollständigkeit und Tiefe sind natürlich selbst schwammige Begriffe. Was wir damit meinen ist: Die Zeit, sich auf eine Klausur oder auf das Staatsexamen vorzubereiten, ist begrenzt. Gerade was das Staatsexamen betrifft, muss man die Vorbereitung insbesondere zeitlich effektiv gestalten. Die Effektivität wird dabei simpel daran gemessen, wie gut die Noten ausfallen. Wenn ihr gute Noten wollt, solltet ihr im Zweifel stets in die Breite lernen, statt sich an einem einzelnen Problem für zu lange aufzuhängen. Letzteres lohnt sich nicht.

a. Gute Klausuren sind genau so konzipiert

Gute Klausuren sind genau nach diesem System konzipiert! Klausuren bieten nur begrenzt Zeit, juristische Fähigkeiten abzuprüfen. Neben dem Handwerkszeug wird natürlich auch das inhaltliche Verständnis abgeprüft. Um bei letzterem das Zufallsmoment (Klausurbearbeiter X hat zufällig gerade dieses eine Problem vertieft gelernt, welches über 50% der Klausurbewertung ausmacht) möglichst gering zu halten, damit zumindest eine gewisse Objektivität erreicht werden kann, wird eine Vielzahl von repräsentativen Problemen aus dem gesamten Klausurstoff abgeprüft. Wir wissen natürlich selbst, dass gerade an den Universitäten Übungsklausuren keine derartige Qualität aufweisen, weil eine gut konzipierte Klausur Arbeit bedeutet. Allerdings geben sich die Verantwortlichen bei den Examensklausuren doch deutlich mehr Mühe und die meisten Originalklausuren verfolgen diesen Ansatz. Und da letztlich nur das Staatsexamen maßgeblich ist, lohnt es sich, auch schon bei der Vorbereitung auf die Übungsklausuren mehr auf Breite zu setzen.

b. Die Noten fallen besser aus

Für die Klausurnote ist es deutlich besser alle Probleme zumindest etwas mit noch erkennbarer Schwerpunktsetzung angesprochen zu haben, als nur einen Teil der Probleme in quälender Tiefe.

Der Grund liegt darin, dass bereits über die Hälfte der (mentalen) Punkte bereits für das Erkennen des Problems und die wenigen Kernargumente vergeben werden. Jedes zusätzliche Wort, das bei diesem Problem geschrieben wird, führt nicht mehr zu einem entsprechenden Mehr an Punkten. Wenn wir die Klausur also aus dem Blickwinkel betrachten, dass wir mit einer fixen Anzahl von möglichen Wörtern starten (für mehr Geschriebenes bleibt keine Zeit), besteht die Aufgabe darin, diese Wörter möglichst effektiv auf die einzelnen Probleme zu verteilen. Es geht also darum, die Punkteausbeute pro Wort zu maximieren. Und was ein einzelnes Problem betrifft, fällt der Grenznutzen jedes zusätzlichen Wortes, sobald die paar Hauptargumente aufs Papier gebracht sind. D.h. ab dieser Schwelle liefert jedes zusätzliche Wort verhältnismäßig weniger Punkte. Anders gesagt: Wenn ein Problem z.B. 2 Notenpunkte Wert ist, lassen sich die ersten 1 bis 1,5 Notenpunkte mit deutlich weniger Worten (nämlich mit dem Problemaufriss und ein paar Hauptargumenten) verdienen als die letzten 0,5 Punkte. An dieser Stelle wird auch wieder deutlich, dass derjenige im Vorteil ist, der schneller schreiben kann. Es sind dann schlicht mehr Wörter zu verteilen.

Und auch ein weiterer Aspekt darf nicht außer Acht gelassen werden: Eine Klausur, die nicht alle Probleme behandelt, aber dafür einige wenige – im schlimmsten Fall auch noch eigentlich unproblematische Fragen – in einer völlig eskalierenden Breite austritt, weist eine miserable Schwerpunktsetzung auf. Und das kostet richtig Punkte!

c. Wo fängt sinnlose und vielleicht sogar schädliche Tiefe an?

Wenn wir sagen, dass ihr nicht auf Tiefe setzten solltet, meinen wir natürlich nicht, dass ihr nicht das Problem im Wesentlichen verstanden und die wichtigsten Argumente parat haben solltet. Das ist natürlich wichtig und erforderlich. Es geht uns darum, dass ihr euch nicht sinnlos in einzelne Probleme vertiefen solltet, was zur Folge hat, dass ihr nur weniger vollständig lernen könnt.

Eine sinnlose Tiefe fängt für uns dort an, wo die zusätzlichen Argumente in Anbetracht der Zeit keinen Platz mehr in der Klausur verdient haben. Diese Aussage können wir leider nur so schwammig lassen, weil es in diesem Zusammenhang sehr auf die Konventionen des jeweiligen Problems ankommt. Es ist jedenfalls keine schlechte Idee, bei Problemen die Ambiguität des Gesetzeswortlauts aufzuzeigen, ein oder zwei systematische Argumente anzubringen und noch ein paar Behauptungen zum Telos aufzustellen. Dass noch „tiefere“ Argumente irgendwann sinnlos werden, solltet ihr bei nüchterner Betrachtung auch irgendwann erkennen können. Schließlich geht es wirklich nur um wenige Worte im Gesetz. Und irgendwann ist alles Seriöse gesagt und alles andere geht dann in Richtung Philosophie oder Esoterik. In der Wissenschaft mögen diese Gedanken einen Platz verdienen, aber in einer Klausur haben sie nichts verloren.

Ein solches vermeintlich „tiefes“ Verständnis kann sogar der Note schaden, weil man verleitet wird, dieses ganze Wissen an der Stelle abzuladen. Das ist nicht nur für die Punkteausbeute pro Wort schlecht, sondern es führt fatalerweise dazu, dass die Schwerpunktsetzung misslingt. Denn dadurch wird euch zwingend die Zeit fehlen, um andere Probleme überhaupt oder mit der gebotenen Sorgfalt zu behandeln. Wenn ihr euch das Problembeispiel aus unserem letzten Beitrag anschaut, sollte euch klar sein, dass selbst die 203 Wörter des Formulierungsbeispiels in methodischer Darstellung den Bogen überspannt. Wenn eine Examensklausur 15 bis 20 größere und kleinere Probleme enthält, könnt ihr pro Problem in der Regel nicht mehr als 150 Wörter schreiben.

3. Wie setze ich diesen Ratschlag um?

a. Viele unterschiedliche Fälle üben

Eigentlich ganz leicht:

Macht euch bewusst, dass es für die Klausur nichts bringt, mehr als 3 bis maximal 4 Argumente pro vertretener Meinung zu beherrschen. Beschränkt euch beim Lernen deshalb auch einfach nur auf diese Kernargumente. Wenn ihr die beherrscht, solltet ihr euch einem neuen Problem widmen.

Vollständigkeit könnt ihr relativ leicht dadurch erzielen, indem ihr einfach viele unterschiedliche Fälle zu dem Themengebiet löst. Das ist gleichzeitig auch die sinnvollste Art, sich Jura zu erschließen. Schnappt euch einfach alle Fallbücher, die ihr zu dem Themenbereich finden könnt und arbeitet diese durch. Das haut zeitlich natürlich nur dann hin, wenn ihr das Lehrbuch beiseitelegt. Das vergeudet nämlich nur eure wertvolle Zeit.

b. Konsequent und vollständig den Prüfungsstoff der JAPrOs abdecken

Examenskandidaten müssen sich unbedingt ihre jeweilige JAPrO schnappen und die dort aufgezählten Prüfungsthemen konsequent und vollständig (idealerweise fallorientiert) durcharbeiten. Ihr dürft euch auf keinen Fall nur auf die Universität oder diverse Repetitorien verlassen. Wir kennen keinen Fall, wo wirklich das gesamte examensrelevante Wissen abgedeckt wird. Ihr müsst euch also eigenverantwortlich und proaktiv auf den Weg machen, die Lücken zu füllen, die Uni und Rep(s) offengelassen haben. Im Staatsexamen wird von euch ein extrem breites Wissen abverlangt. Umso wichtiger ist es, dass ihr euch während der Vorbereitung nicht an einzelnen Fragen aufhängt und zügig das gesamte Spektrum abarbeitet. Gerade die Fähigkeit, gewisse Fragen ab einer gewissen „Tiefe“ offen bleiben zu lassen verlangt von manchen viel Disziplin und manchmal auch ein grundlegendes Umdenken ab.

4. Wie geht es weiter?

Der nächste Beitrag wird auch der letzte in unserer Knowhow-Serie sein. Dieser trägt den schönen Titel „Entspannt euch, macht Pausen & genießt das Leben“. Auch wenn ihr euch jetzt denkt: Was bringt mir das für die Klausur oder das Examen? Antwort: Einiges! Konkret: Vielleicht sogar 20% der Note und noch deutlich mehr für das Leben außerhalb von Jura, das nicht zu kurz kommen sollte.

Autor: Tianyu Yuan